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Tschüss zämme

Kunz Christian 09.06.2018

Ehe das letzte Heimspiel von Binningen heute Samstag gegen Absteiger Reinach angepfiffen wird, kommt es wie meist zu einem solchen Zeitpunkt zu Verabschiedungen. Neben Trainer Diego Vigorito und Torhüter Armend Jusufi wird auch Offensivspieler Tobias Fumagalli sein letztes Spiel bestreiten.

Fumagalli fällte seinen Entscheid, obwohl er sich mit seinen 33 Jahren noch nicht als zu alt fühlt und von sich sagt, er sei topfit. «Ich habe mir Gedanken gemacht und dann für mich entschieden, dass jetzt Schluss ist. Ich will nicht noch einmal weg von Binningen. Wollte ich das, würde ich sicher schnell ein neues Team finden. Ich werde aber auch nicht in die zweite oder dritte Mannschaft wechseln.» Verloren geht Fumagalli dem Verein jedoch nicht. Er wird als Assistenztrainer von Christian Kunz bei den A-Junioren einsteigen.

«Ich hoffe, meine Mitspieler werden bei der Verabschiedung nicht deswegen klatschen, weil sie froh sind, dass ich gehe», meinte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. So ganz aus der Luft gegriffen ist diese Aussage jedoch nicht. Er selbst sagt von sich, dass er mit seiner Art kein angenehmer Gegenspieler sei, aber auch kein einfacher Mitspieler. «Ich trage sehr oft, vielleicht zu oft, das Herz auf der Zunge. Ich sage meist, was ich denke und das kommt halt nicht immer so gut an. Ich bin aber in meinem Leben stets gut gefahren damit und will mich nicht verbiegen.»

Klein Tobi begann bei den Old Boys als Pampers-Spieler. Bis in die A-Stufe trug er das Gelbschwarze Dress. «Dann wollte mich Trainer Rietmann, der damals die erste Mannschaft hatte, zu sich holen. Doch dann sagte man mir, ich hätte für die 2. Liga kein Talent.» Auch oder gerade das ist Tobias Fumagalli. Wenn der Weg geradeaus verstellt ist, geht er nicht aussen herum, sondern geht mittendurch, auch wenn es Schaden gibt. Er ging in die 3. Liga, zum FC Therwil. «Das war kein Rückschritt für mich, denn ich wollte spielen und das konnte ich dort. Trainer damals war Roland Stalder. Mein erster Aktivtrainer ist jetzt sozusagen heute Samstag auch mein letzter!» Fünf Jahre spielte er in Therwil, zwei Jahre unter Franz Glaser. Es war ok für ihn, aber sein Spiel machte sehr wohl andere Vereine hellhörig, denn die Körpergrösse und der direkte Weg zum Tor blieben nicht verborgen. Er ging zu Binningen, konnte dann gleich im Cup gegen Basel spielen und erzielte ein Tor. So kam er gleich zum Karriere-Highlight. Später kam noch das Cupspiel gegen Aarau hinzu. Fumagalli blickt auf eine erfolgreiche Cup-Zeit zurück. In vier Cuppartien mit Binningen erzielte er fünf Tore. Das brachte ihm die Anfrage von Marcel Hottiger ein und beinahe ohne zu überlegen wechselte er zu Grenchen in die 1. Liga.

Zusammen mit Boris Zimmermann und anderen Spielern aus der Region Basel war er in Grenchen Profi. Er sollte sich auf das Fussballspielen konzentrieren, meinte Hottiger. Fumagalli hatte eine gute Zeit, machte 43 Partien und 19 Tore. Dann kam das Spiel in Laufen, wo er sich das Kreuzband an- und zwei Wochen später ganz riss. Gegenspieler war damals ein gewisser Jonas Uebersax. Er sei nicht der Grund für die Verletzung gewesen, aber räumlich beteiligt, meint Fumagalli. Als sein Knie wieder ok war, ging er wieder zu Therwil, um wieder Fuss zu fassen. Doch dann entschied er sich dafür, zum Beachsoccer zu wechseln. Später klopfte er wieder in Binningen an, weil der damalige Trainer, Alain Burger, ihm das Vertrauen schenkte. «Ich bin ein Spieler, der Vertrauen braucht, der ein menschliches Umfeld enorm schätzt. Familie ist mir ungemein wichtig und wertvoll. Meine Eltern waren immer an meine Spiele gekommen und haben sich für meinen Weg als Fussballer interessiert. Sie waren aber auch grosse Kritiker.» Er sei jedoch froh darüber gewesen, wie auch darüber, dass ihn sein Bruder Marco oft hart kritisierte. «Er meinte es ja nicht böse. Er sah Potenzial, das ich nicht abrief. Mir war das Bierli danach und die eine und andere Zigarette ebenso wichtig wie der Ball. Ich wusste, dass das der Karriere nicht dienlich sein konnte. Aber eben…»

Im Juli 2016 brauchte er eine Luftveränderung, wie er sagt. Er wechselte nach Dornach, wo er 26 Spiele absolvierte und 14 Tore erzielte. «Dieser Wechsel hat mich menschlich weitergebracht, denn ich lernte die Atmosphäre auf dem Spiegelfeld schätzen.» Rund 85 Meisterschaftsspiele hat er für Binningen gemacht und 32 Treffer erzielt. Diese Saison sei es nicht so gut gelaufen, wenn man ihn an den Toren misst. Nur vier Tore waren es bisher. Das sei zu wenig, sagt er selbst. «Es sind zu wenig für meine Ansprüche», präzisiert er. Ob das der Grund ist, dass er die Schuhe jetzt an den Nagel hängt? Er setzt mehrmals an für die Erklärung, was untypisch ist für ihn. Das allein zeigt, dass er eigentlich noch gar nicht bereit ist für den Rücktritt. «Man spricht hier schon lange von Nachhaltigkeit. Wir haben ein junges Team und gute Junioren. Ich habe viel erlebt, weiss, wie man als Junior spielen muss und wie es dann im Aktivfussball geht. Ich habe das B-Diplom und will das alles jetzt unter einen Hut bringen. Ich freue mich auf die neue Aufgabe.» Er liebe den Fussball, sagt er, und deshalb könne er auch nicht ohne sein. Er möchte einmal ein Aktivteam trainieren und dafür sei das jetzt der erste Schritt. Dann fügt er an, dass er seit einem Jahr verheiratet sei, aber dass das nicht der Grund sei, sich auf das Sofa zurück zu ziehen. Erst ganz zum Schluss kommt er, der eigentliche Grund.

Mit Jonas Uebersax kommt im Sommer ein neuer, junger und ehrgeiziger Trainer zu Binningen. «Der neue Trainer hat mir klar signalisiert, dass ich eventuell nicht einmal mehr im Aufgebot sein würde. Also nach den ersten 18.» Fit sei er, denn er gehöre zu den Trainingsfleissigsten, sagt er. Und dann wäre man wieder bei der Einstellung von Tobias Fumagalli. Entweder ganz oder halt gar nicht. Er will immer spielen. Die Bank sei zum Ausruhen und dafür sei es für ihn noch zu früh. Also zog er den Schlussstrich. «Ich war und bin temperamentvoll und will immer gewinnen. Ich bin kein Dauerläufer, brauche das auch nicht mehr, denn die Erfahrung hilft mir dort zu stehen, wo ich sein muss. Dass das halt hin und wieder zu Ärger führt, sei ihm durchaus bewusst.» Dann blickt er ins Leere und danach auf das Spielfeld. «Bis jetzt war es ok. Ich verkündete meinen Rücktritt und das wars. Doch je näher das letzte Spiel kommt, desto mehr beschäftigt es mich. Es wird wohl emotional. Ich wünsche mir, dass viele, die mich auf meinem Fussballweg begleiteten, auch zu meinem letzten Match kommen. So können wir nachher mit einem Bierchen auf das, was war und auf das, was jetzt kommt, anstossen.» Sagt es und nimmt einen letzten Zug aus der Zigarette und lacht. Tobias Fumagalli ist einer jener Spieler, die Gesprächsstoff lieferten, die deshalb aber auch in Erinnerung bleiben.